September 6th, 2026
Wenn Forschung sichtbar werden will – Versuchslabor für Wissenschaftliche Formen
Wissenschaft hat sich über Jahrhunderte daran gewöhnt, ihre Erkenntnisse in Texten zu ordnen. Argumente werden entwickelt, Begriffe definiert, Belege angeführt und Schlussfolgerungen gezogen. Selbst dort, wo es um Bilder, Räume, Körper oder gestaltete Dinge geht, bleibt der wissenschaftliche Text häufig das eigentliche Medium der Erkenntnis. Fotografien, Diagramme und Zeichnungen stehen daneben und sollen veranschaulichen, was der Text bereits erklärt hat.
In der Designforschung ist diese Ordnung zunehmend brüchig geworden. Verschiedene subdisziplinäre Felder des Designs haben im Laufe der Zeit Formen der Forschung hervorgebracht, die sich nicht ohne Weiteres in das “klassische” Format des wissenschaftlichen Papers übersetzen lassen. Ein Prototyp kann hier ein Argument sein, eine Skizze eine Form des Denkens, ein Film eine Methode der Beobachtung. Auch persönliche Erfahrung, Materialität und visuelle Wahrnehmung werden nicht mehr zwangsläufig als subjektive Störungen eines vermeintlich objektiven Forschungsprozesses verstanden, sondern können selbst Teil der Erkenntnis sein.
Damit verändert sich nicht nur die Frage, was Designforschung untersucht. Es verändert sich auch die Frage, wie sie ihre Erkenntnisse zeigen kann.
In diesem Umfeld ist “Seeing Interaction Design” zu verorten, ein jüngst bei Springer erschienener Sammelband, herausgegeben von Shunying An Blevis, Eli Blevis, Makayla Lewis und Miriam Sturdee. Der Band widmet sich dem sogenannten „Pictorial“ – einer Forschungsform, in der visuelle Gestaltung nicht bloß Illustration eines wissenschaftlichen Arguments ist, sondern selbst an dessen Entwicklung und Vermittlung beteiligt sein soll.
Das ist zunächst ein formales Anliegen, hat aber weitreichende Konsequenzen. Denn wer Bilder nicht mehr als Beigabe, sondern als Teil des Arguments versteht, muss auch die wissenschaftlichen Konventionen von Evidenz, Autor:innenschaft und Nachvollziehbarkeit neu betrachten. “Seeing Interaction Design” ist in diesem Sinne ein Buch über die epistemologischen Möglichkeiten des Sehens.
Die Beiträge sind in fünf Themenblöcke geclustert: Sustainability, Seeing and Noticing, Pushing Boundaries, Inspirations und For Educators. In „Selfie Time, Wisdom of Years, Dark Hair, and Visible Mending“ verbinden Shunying An Blevis und Eli Blevis fotografische und persönliche Beobachtungen mit Fragen des nachhaltigen Designs. Alter, Körper, Gebrauch und Reparatur werden zu visuellen Spuren einer Konsumkultur, in der Dinge und Menschen gleichermaßen von Vorstellungen des Neuen und Makellosen geprägt sind. Besonders das „Visible Mending“, das bewusste Sichtbarmachen von Reparaturen, funktioniert dabei als prägnantes Gegenbild zur Logik des Wegwerfens.
Einen anderen Ansatz verfolgt Zaiqiao Yes Beitrag „Seeing Robots Wearing Clothes“. Menschen ziehen Robotern Kleidung an – eine zunächst eher skurril wirkende Praxis. Ye macht daraus jedoch einen Zugang zu einer größeren Frage: Wie werden Roboter sozial und kulturell eingeordnet, und was geschieht, wenn wir ihnen über Kleidung menschliche Eigenschaften und Rollen zuschreiben? Die Verbindung von Material aus sozialen Medien und Beobachtungen eines Robotik-Workshops zeigt beispielhaft, wie das Pictorial seinen Gegenstand nicht nur dokumentiert, sondern über eine bestimmte Form des Sehens überhaupt erst hervorbringt.
Im Beitrag „Conversational Composites: Unexpected Layers“ von Mafalda Gamboa, Miriam Sturdee und Sara Ljungblad wird diese Logik der Montage noch expliziter. Unterschiedliche visuelle und kommunikative Elemente werden übereinandergelagert, ohne sie vollständig in eine einzige, eindeutige Aussage zu überführen. Erkenntnis entsteht hier aus der Beziehung zwischen den einzelnen Teilen. Das ist eine der interessantesten Eigenschaften des Pictorials: Es kann Mehrdeutigkeit zulassen, wo ein “klassischer” wissenschaftlicher Text häufig auf begriffliche Eindeutigkeit drängt.
Besonders deutlich wird die gesellschaftliche Dimension dieses Ansatzes im Abschnitt „Seeing and Noticing“. „Noticing the Rhythms: Women Street Vendor Regulation and Resistance in the Historical Center of Guatemala City“ von Gustavo Fernandez, Andrea Echeverria, Katreen Boustani, Lucy Lemus und Christena Nippert-Eng richtet die Aufmerksamkeit auf Straßenhändlerinnen im historischen Zentrum von Guatemala-Stadt. Regulierung und Widerstand erscheinen hier nicht als abstrakte politische Kategorien, sondern als etwas, das sich in Bewegungen, räumlichen Anordnungen und alltäglichen Praktiken beobachten lässt.
Mit Christena Nippert-Eng ist eine prominente sozialwissenschaftliche Perspektive vertreten, die den Designforschungskontext produktiv erweitert. Ihre Beteiligung macht deutlich, dass das visuelle Forschungsformat nicht auf HCI beschränkt bleiben muss. Gerade für die Untersuchung des Alltags, von Räumen und sozialen Beziehungen bietet es Möglichkeiten, die in einer rein textlichen Darstellung leicht verloren gehen.
Eine noch grundsätzlichere Erweiterung des Blicks findet sich in „Film in More-Than-Human Design: Using Film to Envision Beyond the Human“ von Heidi Biggs, Doenja Oogjes und Shaowen Bardzell. Bardzell, eine der prägenden Stimmen der feministischen und kritischen HCI-Forschung, bringt hier die Frage nach Perspektive und Macht des Sehens mit einer mehr-als-menschlichen Perspektive zusammen. Film reduziert sich schließlich nicht auf einen dokumentarischen Blick, sondern ist selbst Mittel, um andere Formen der Wahrnehmung vorstellbar zu machen.
Bei all dem geht es auch darum, die Bedingungen des eigenen Blicks zu reflektieren. Was wird sichtbar? Was wird übersehen? Welche Perspektiven werden privilegiert – und welche bleiben außerhalb des Bildes?
Diese Frage zieht sich auch durch „You Should Get to Know Each Other“ von Makayla Lewis und Miriam Sturdee, das zehn Jahre des Sketching in der HCI reflektiert. Die Skizze erscheint hier nicht als vorläufige Version eines späteren, „eigentlichen“ Designs, sondern als eigenständige Form des Denkens.
Der Themenblock „Pushing Boundaries“ treibt diese Öffnung noch weiter. Dianya Mia Hua untersucht in „Fabric, Beads, and Yarn: Crafting (for) Women’s Orgasm“ handgefertigte Artefakte im Kontext weiblicher Sexualität und Selbstbestimmung. Körper, Material und persönliche Erfahrung werden miteinander verbunden. Gerade hier zeigt sich allerdings auch eine Spannung, die das gesamte Buch begleitet. Wenn subjektive Erfahrung, Intimität und Materialität zu wissenschaftlichem Material werden, reichen die traditionellen Kriterien wissenschaftlicher Objektivität nur bedingt aus. Das Pictorial eröffnet neue Möglichkeiten der Darstellung – zugleich muss es sich fragen lassen, nach welchen Maßstäben solche Darstellungen beurteilt werden können.
Diese offene Frage ist keine nebensächliche Schwäche des Bandes. Sie gehört zu seinem eigentlichen Thema. Besonders aufschlussreich wird das in „Plurality, Revisited“, an dem Miriam Sturdee, Makayla Lewis, Josh Urban Davis, Angelika Strohmayer, Sarah Fdili Alaoui, Nantia Koulidou und Katta Spiel beteiligt sind. Schon die Zusammensetzung der Autor:innen steht für einen Anspruch, der sich durch viele Beiträge zieht: Forschung ist keine vollkommen neutrale Tätigkeit, sondern entsteht aus unterschiedlichen Positionen, Biografien und Praktiken.
Der Beitrag versammelt hier gleich mehrere wichtige Stimmen einer kritischen, embodied HCI-Forschung. Die eigene Position der Forschenden wird hier nicht aus dem Forschungsprozess herausgerechnet, sondern selbst zum Gegenstand. Das Ergebnis ist ein Verständnis von Forschung, das stärker mit Begriffen wie Pluralität, Positionierung und Selbstreflexion arbeitet als mit der herkömmlichen Vorstellung des distanzierten Beobachters.
Auch „Looking Over the Details“ von Andy Boucher passt in dieses Bild. Der Beitrag richtet den Blick auf Details, die in konventionellen Forschungsprozessen leicht als nebensächlich erscheinen. Damit erinnert er an eine der vielleicht wichtigsten Fähigkeiten visueller Forschung: Aufmerksamkeit zu erzeugen.
Im letzten Teil, „For Educators“, wird diese Idee auf die Lehre übertragen. Shunying An Blevis und Eli Blevis verbinden in „Design Challenge Based Learning, Quilts, Promptosketches and Promptotypes“ unterschiedliche Formen des visuellen und materiellen Gestaltens mit einem konstruktivistischen Lernverständnis. Bemerkenswert ist dabei die Verbindung traditioneller handwerklicher Formen wie Quilts mit neueren Praktiken des Arbeitens mit Prompts und generativen Systemen.
Noch unmittelbarer in die Gegenwart führt Akesha Hortons Beitrag „Examining AI-Generated Art in the Educational Context“. Die Frage nach dem Verhältnis von Mensch, Maschine und Bildproduktion verschiebt sich hier in den Bildungsbereich: Was bedeutet es, Gestaltung zu lernen, wenn Bilder zunehmend auch von generativen Systemen erzeugt werden können? Und welche Rolle spielen dann noch Autor:innenschaft, die so genannte “Kreativität” und handwerkliche Kompetenz?
Den Abschluss bildet „Wacky Encodings for Humanities Visualization“ von Richard Brath, Johanna Drucker, Johannes Liem, Christophe Schuwey und Joris J. van Zundert. Die Perspektive weitet sich damit noch einmal über HCI und Design hinaus. Visualisierung wird als Möglichkeit verstanden, auch geisteswissenschaftliche Gegenstände anders zu strukturieren und wahrnehmbar zu machen.
Das Buch versammelt und diskutiert Beispiele und Ansätze aus Fotografie, Zeichnung, Film, sowie Artefakte, textile Arbeiten, visuelle Montagen und KI-generierte Bilder, die ihrerseits unterschiedliche Möglichkeiten bieten, Forschung zu betreiben und zu vermitteln.
Das ist zugleich die Stärke und die Herausforderung des Buches. Bilder sind nicht automatisch unmittelbarer oder wahrer als Texte. Auch ein Foto ist eine Auswahl; auch eine visuelle Komposition ist eine Interpretation. Wer Bilder als wissenschaftliche Argumente ernst nimmt, muss deshalb auch über ihre Evidenz, ihre Lesbarkeit und ihre Grenzen sprechen.
Das geschieht in und mit diesem Buch.

Shunying An Blevis, Eli Blevis, Makayla Lewis, Miriam Sturdee (Eds.): Seeing Interaction Design. Cham: Springer, 2026. 1. Auflage, VIII + 274 S., 46 s/w- und 177 farbige Abb. ISBN 978-3-032-14199-6 (Hardcover), ISBN 978-3-032-14200-9 (eBook). DOI: 10.1007/978-3-032-14200-9.