February 13th, 2026

Design als kritische (Forschungs-)Praxis

Wenn die Hochschule für Gestaltung (HfG) Offenbach am Main zeitgleich zum Tag der offenen Türen und zur Erstsemestershow einlädt, wird der Campus zu einem offenen Denk- und Erfahrungsraum. Werkstätten, Ateliers und Seminarräume beider Fachhbereiche – Kunst und Design – geben Einblicke in laufende Prozesse, während Studienanfänger:innen ihre ersten gestalterischen Arbeiten präsentieren. Zugleich werden Diplom- und Masterarbeiten gezeigt, die verdeutlichen, wie sehr Gestaltung an der HfG als forschende, theoretisch fundierte und gesellschaftlich wirksame Praxis verstanden wird. Die Arbeiten des Lehrgebiet Designtheorie (Tom Bieling) sind in Raum 312 sowie im Foyer der Bibliothek zu sehen.

Virtuelle Räume, reale Wahrnehmung

Die gezeigten Arbeiten durchqueren unterschiedliche Aggregatszustände der Designforschung und kommen in unterschiedlichen Medienformaten daher (objekthaft, textlich/sprachlich, virtuell, interaktiv, audio-/visuell, performativ). So zum Beispiel die Diplomarbeit von Lennard Ludig („Die konstruierte Präsenz – Analyse gestalterischer Strategien in sozialen VR“). Ludig entwickelt darin eine differenzierte Phänomenologie sozialer und immersiver Virtual-Reality-Umgebungen. Seine Arbeit überzeugt in zweifacher Hinsicht: Zum einen gelingt es ihm, auch ungeübte Leser:innen in die untersuchten digitalen Räume hineinzuziehen und deren Atmosphären, Interaktionsformen und ästhetische Strategien anschaulich erfahrbar zu machen. Zum anderen gleicht er seine Beobachtungen systematisch mit raumtheoretischen Konzepten von Jan Gehl, Marc Augé, Lucius Burckhardt und anderen ab.

Begriffe wie der Nicht-Ort, der Transit-Ort, die Heterotopie oder die Lobby als Agora werden auf soziale VR-Plattformen übertragen und kritisch befragt. Dabei zeigt sich, dass manche dieser Konzepte überraschend tragfähig sind, während andere an ihre Grenzen stoßen. Besonders aufschlussreich wird die Analyse dort, wo Ludig Aspekte der Körperlichkeit einbezieht und mit Sherry Turkles Überlegungen zu digitalen Identitätsentwürfen verbindet. Die performative Vielheit von Avataren und Selbstbildern erscheint als Signatur eines postmodernen Lebens, in dem Identität fluide und situativ wird. Überzeugend ist auch die Gegenüberstellung unterschiedlicher Bild- und Raumstrategien – zwischen Realismus beziehungsweise Mimesis und bewusst ästhetischer Konstruktion. Ludig veranschaulicht eindrücklich, dass der Begriff des Realismus im VR-Kontext ambivalent ist, da selbst physikalisch unmögliche Umgebungen als real verarbeitet werden können, sofern sie in sich kohärent gestaltet sind.

Urbane Analysen und gesellschaftliche Bildpolitiken

Eine weitere Auswahl an Abschlussarbeiten im Lehrgebiet zeichnen sich durch analytische Tiefe aus. Marie-Josephine Pavesi legt mit „Spielplätze in Paris und Berlin“ eine detailreiche Vergleichsanalyse vor, aus der sich vielfältige Rückschlüsse auf pädagogische Modelle, Regelwerke und Konzepte von Offenheit ableiten lassen. Besonders spannend ist ihre Beobachtung, dass bestimmte Ästhetiken und Formsprachen von Spielplätzen weniger aus autonomen Gestaltungsentscheidungen entstehen, sondern häufig Ergebnis normativer Vorgaben und sicherheitslogischer Rahmenbedingungen sind.

Sophie Mosdell untersucht in ihrer Master Thesis „Material als Marke“, wie Materialität selbst zur identitätsstiftenden Größe wird und Markenkommunikation prägt. Carola Schulz widmet sich in ihrer Diplomarbeit „Urbane Utopien – wie transformiert sich urbaner Raum am Beispiel Kranichstein“ den Dynamiken städtischer Transformation zwischen Vision und gelebter Realität. Svea Marlen Rauch analysiert in „Ein verzerrtes Bild – Antisemitismus in digitalen Bildkulturen“ die Persistenz antisemitischer Stereotype und ihre visuellen Strategien im digitalen Raum. Mi Düver fragt in „Artefakte in Transition“ nach Objekten im Übergang und nach Bedeutungsverschiebungen in gesellschaftlichen, insbesondere geschlechtlichen Transformationsprozessen.

Ein zentrales Exponat bildet die interaktive Installation „Intelligence in the Fog“ von Konrad Kebbel. Die Arbeit reflektiert unser Verhältnis zur Künstlichen Intelligenz und stellt die Frage, ob wir technischen Systemen mehr Intelligenz zuschreiben, als sie tatsächlich besitzen. Das scheinbare Gegenüber bleibt undurchsichtig; sein Innenleben entzieht sich der Zuschreibung. Gerade diese Unbestimmtheit macht die Projektionen sichtbar, mit denen wir KI aufladen.

Poster: Carlotta Hick

Design und Sprache: Transparent und Veränderbar

Großen Raum in beiden Räumen nimmt das Projekt „Design und& Sprache“ ein, geleitet von Prof. Dr. Tom Bieling und M.A. Jonathan Kuhlmann, gemeinsam mit M.A. Susanne Wieland und Dipl. Des. Amelie Mattas. Im ersten Semester des Studiengangs Design werden zwei jeweils sechswöchige Workshops durchgeführt, die das Bewusstsein für die subtile Wirkung von Gestaltung schärfen. Die Studierenden setzen sich mit den Begriffen „transparent“ und „veränderbar“ auseinander und entwickeln eigenständige Zugänge, die in rund 60 Projekten sichtbar werden.

Der Begriff „transparent“ wird in seiner Vielschichtigkeit ausgelotet – als Zustand, Haltung, Beziehung, räumliche Qualität oder soziale Praxis. Die daraus hervorgegangenen Arbeiten hinterfragen gewohnte Sichtweisen, beziehen Nutzer:innen aktiv ein und verschieben Maßstäbe und Funktionen. In diesem Zusammenhang entstehen unter anderem visuelle Stadtanalysen zum Thema Transparenz: Fuheng Nan und Jean-Luc Klaucken untersuchen Räume, Luke Klemann analysiert Prozesse, Arnold Schmidgen und Lorenz Recken widmen sich typografischen Dimensionen, Ricarda Heurer und Sarah Rohde erforschen Zeichen, Mykhailo Slukin und Sofia Gal nehmen Werbung in den Blick, während Anna Dristos und David Untermann architektonische Aspekte analysieren.

Der Begriff „veränderbar“ rückt Transformation als Kernkompetenz des Designs ins Zentrum. Objekte ändern sich, Module werden ausgetauscht, Systeme hinterfragt. Veränderung betrifft dabei nicht nur physische Artefakte, sondern auch Wahrnehmung, Haltung und Selbstverständnis. Filmische Arbeiten vertiefen diese Auseinandersetzung: Lukas Gall reflektiert in „Urban Changes“ urbane Transformationsprozesse, Fionn Husemann und Anton Birke zeigen in „Anton arbeitet“ Verschiebungen im Arbeitsalltag, Xenia Christoph untersucht in „Papier“ Material und Prozess, Franka Bahlke thematisiert den „Arbeitsprozess“, Konrad Kebbel widmet sich einer „Reflektion Veränderbarkeit“ und Yasmine BenMoussa nähert sich in „The Quiet Change“ leisen, kaum wahrnehmbaren Transformationen.

Effizienz der Ineffizienz

Mit dem Seminar/Projekt „Effizienz der Ineffizienz“ wird ein bewusstes Gegengewicht zur Logik von Optimierung, Beschleunigung und Verwertbarkeit gesetzt. Ausgehend von Theorien der Rationalisierung bei Max Weber, von Kritiken des Effizienzdenkens bei Hartmut Rosa und Byung-Chul Han sowie von Gegenmodellen bei Georges Bataille und Ivan Illich wird Ineffizienz nicht als Defizit, sondern als produktive Ressource verstanden. Sie kann Freiräume eröffnen, Routinen irritieren und neue Perspektiven ermöglichen.

Roman Jakowlew zeigt mit „Hug.“ ein Objekt, das um den Kopf gelegt wird, sanften Druck ausübt, visuell und akustisch abschirmt und als stilles Angebot zum Innehalten dient. Emil Navid Kirchgessner entwickelt mit „Lock & Walk“ eine Box, die das Smartphone einschließt und eine zufällige Route ausdruckt – ein Impuls zu mehr Achtsamkeit und zur bewussten Erfahrung der Umgebung. Samuel Schön versteht „[Not Just] Another Brick in the Wall“ als skulpturalen Widerstand gegen soziale Isolation und als Rückführung des Smartphones zum Werkzeug realer Begegnung. Lotte Landgraf thematisiert in „Memento Somni“ Schlaf als verdrängtes Grundbedürfnis in einer leistungsorientierten Gesellschaft. Außerdem zu sehen: die „Pausenuhr“ von Jonas Giese und die achtsame Kalender-App „ANTIAGENDA“ von Anna Kurfiß.

Design als Gemeinschaft und Debatte

Weitere gezeigte Seminare wie „Im Auge des Sturms – Wellenbewegungen des öko-sozialen Wandels im Design“, „Design und Gemeinschaft“ oder „Pro und Contra – Design als Debatte“ verdeutlichen, dass Gestaltung hier als historisch eingebettete, gemeinschaftsstiftende und diskursive Praxis verstanden wird. Design schafft Begegnungen oder verhindert sie, stiftet Identität oder grenzt aus, formuliert Argumente und provoziert Widerspruch.

In diesem Zusammenhang wird auch das kürzlich noch im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst gezeigte Projekt „SPEAK UP“ zu sehen sein (Paul Berger, Devin Can, Hannah Heruday, Clara Maldener, David Martin Maurer-Laube, Zachary Mentzons, Mia Schreiber, Simon Schmidt-Meinzer, Susanne Wieland, Tom Bieling (Supervision)). SPEAK UP versteht sich als erste mobile Speakers’ Corner der Welt. Flexibel einsetzbar auf Plätzen, in Parks, auf Schulhöfen oder bei Demonstrationen, bringt sie das Prinzip freier Rede dorthin, wo Menschen sind und wo Diskurs abagehanden gekommen scheint. Demokratie braucht Raum – und mit SPEAK UP wird dieser Raum beweglich.

References