February 6th, 2026
Risse im Asphalt – Entsiegelung als Entwurfsstrategie
Mit Open Ground. Depaving Urban Surfaces legen Andrea Bortolotti, Chiara Geroldi und Cecilia Furlan eine ebenso präzise wie experimentelle Auseinandersetzung mit einem bislang oft technisch reduzierten Thema vor: der Entsiegelung urbaner Flächen. Das Buch verschiebt den Fokus von der reinen Problembeseitigung versiegelter Böden hin zu einer gestalterischen, ökologischen und materialbezogenen Chance. Entsiegelung wird hier nicht als nachträglicher Eingriff verstanden, sondern als integraler Bestandteil eines entwurfsorientierten Prozesses.
Ausgangspunkt des bei Mimesis International erschienen Buches ist die Beobachtung, dass urbane Versiegelung zunehmend durch spontane Degradationsprozesse oder gezielte Desealing-Interventionen aufgebrochen wird. Bortolotti und Geroldi fragen, welche Entwurfsstrategien geeignet sind, diese „mineralische Kruste“ so zu transformieren, dass ökologische Funktionen reaktiviert, neue räumliche Qualitäten geschaffen und Materialkreisläufe vor Ort geschlossen werden können. Besonders überzeugend ist dabei der Ansatz, Abbruchmaterialien – Beton, Asphalt, Zuschläge – nicht als Abfall, sondern als gestalterische Ressource zu begreifen.
Theoretisch verankert ist das Buch in einem erweiterten Verständnis von „open ground“. Angelehnt an bodenwissenschaftliche Konzepte des „open soil gradient“ interpretieren die Autor:innen Offenheit nicht nur als physische Durchlässigkeit, sondern als Fähigkeit des Bodens, Austauschprozesse zwischen Atmosphäre, Untergrund, Grundwasser und biologischen Akteuren zu ermöglichen. Diese Perspektive verbindet aktuelle Debatten der urbanen Ökologie mit Landschaftsarchitektur, Architektur und Städtebau und knüpft an Forschungen zu spontaner urbaner Natur an, wie sie etwa von Matthew Gandy beschrieben wurden.

Einen zentralen Bestandteil des Buches bildet die Dokumentation der interdisziplinären Summer School in Porto di Mare, einem ehemaligen Industrie- und Gewerbegebiet im Südosten Mailands. Eingebettet in europäische Forschungszusammenhänge (u. a. IDEA League, Horizon Europe) wird hier Entsiegelung als „research by design“ erprobt. Besonders hervorzuheben ist der kollaborative Ansatz, der Studierende und Forschende aus Landschaftsarchitektur, Architektur, Stadtplanung, Umwelttechnik, Geologie und Informatik zusammenbringt. Diese Vielstimmigkeit prägt nicht nur die Projekte, sondern auch den argumentativen Aufbau des Buches.
Strukturiert entlang der drei miteinander verflochtenen Entwurfsdimensionen „designing with materials“, „designing with soil“ und „designing with ecosystems“ zeigt Open Ground, wie eng materielle, topografische und ökologische Entscheidungen miteinander verbunden sind. Die vorgestellten studentischen Projekte – von gezielten Schnitten in Asphaltflächen über Materiallager und Schuttmounds bis hin zu multispezies-orientierten Habitaten und sensorgestützten Lernlandschaften – verdeutlichen, dass die Art und Weise des Aufbrechens versiegelter Flächen maßgeblich die zukünftigen Nutzungs- und Entwicklungsoptionen bestimmt.
Besonders stark ist das Buch dort, wo es die ästhetische Dimension der Entsiegelung ernst nimmt. Die Autor:innen argumentieren überzeugend, dass Schnitte, Brüche, Risse und Materialumlagerungen nicht bloß technische Vorgänge sind, sondern neue Formen urbaner Landschaft hervorbringen können – zwischen kontrollierter Gestaltung und bewusster Offenheit für spontane ökologische Prozesse. Referenzen zu realisierten Projekten internationaler Büros wie D.I.R.T. Studio, Wagon Landscaping, GTL Landschaftsarchitektur oder Openfabric erweitern den Blick über den akademischen Kontext hinaus und verorten die Forschung klar in der Praxis.

Der Projektteil versammelt konkrete Entwurfsansätze zu Materialien, Boden und Ökosystemen – etwa Cuts & Cracks, Circul(Art), Ground to Mound oder Eco-Dwellings – und zeigt, wie Entsiegelung und regenerative Strategien praktisch umgesetzt werden können. Abschließend ordnen Cecilia Furlan und Francesca Rizzetto die Arbeiten theoretisch im Kontext von regenerativem Design.
Kritisch ließe sich anmerken, dass die im Buch gezeigten Ansätze teilweise stark kontextgebunden sind und ihre Übertragbarkeit auf andere regulatorische oder kontaminationsbezogene Rahmenbedingungen nicht immer vollständig diskutiert wird. Gleichzeitig liegt gerade hierin eine der Stärken der Publikation: Sie plädiert für orts- und situationsspezifische Strategien statt für universelle Rezepte.
Das als Open Access erhältliche Buch kann somit als ein wichtiger Beitrag zur aktuellen Debatte um Bodenschutz, Kreislaufwirtschaft und urbane Biodiversität gewertet werden. Es richtet sich dabei nicht nur an Landschaftsarchitekt:innen und Architekt:innen, sondern auch an Planer:innen, Stadtverwaltungen und Forschende, die Entsiegelung als gestalterisches, politisches und ökologisches Handlungsfeld begreifen wollen. Es macht deutlich, dass die Frage, wie wir entsiegeln, ebenso entscheidend ist wie die Tatsache, dass wir es tun.

Andrea Bortolotti, Chiara Geroldi & Cecilia Furlan (Eds.) (2025):
Open Ground – Depaving Urban Surfaces
Milano: Mimesis International
ISBN: 978-88-6977-506-2
https://mimesisinternational.com/